NACKT

„Miss noch mal nach, 28 cm kann gar nicht sein!“ Das waren die Worte, aus der Umkleidekabine der Muckebude, die ich beim Duschen zufĂ€llig mitbekomme und die mich jetzt zum Lauschen animieren.
Da stehen doch tatsÀchlich zwei 20-jÀhrige MÀnner, messen sich gegenseitig den Bizeps und der eine wird immer trauriger und aggressiver, weil der gute Muskel einfach nicht schnell genug wachsen will. Wenn der gleich noch anfÀngt zu weinen, gehe ich raus und tröste ihn!

Mein Freund Jack, der im gleichen Fitnessstudio trainiert, ist fast 60 und genervt von dem Gestöhne der jungen Kerle, wenn sie ihre Gewichte in die Höhe stemmen. „Den Halbstarken zeig ich mal was Sache ist,“ denkt er sich, nimmt das gleiche Gewicht und stemmt es, lĂ€chelnd, ohne ein einziges GerĂ€usch, nur um den Typen mal zu zeigen, was er noch drauf hat. Er verhebt sich dabei den RĂŒcken und kann sich eine Woche lang kaum bewegen aber das werden die gedemĂŒtigten Halbstarken nie erfahren.

Als ich neulich morgens im Cafe sitze, sitzt neben mir eine Ă€ltere Frau. „Sie lassen es sich aber gut gehen,“ ruft ihr ein Bekannter vom Fahrrad aus zu. Anstatt bejahend zurĂŒckzugrĂŒĂŸen, fĂ€ngt die Dame an ErklĂ€rungen abzugeben, dass sie in keinster Weise hier faul rumsitze und den Tag vergeude, sondern gleich zur Arbeit mĂŒsse und einen richtig schweren, produktiven Tag vor sich hat. In den nĂ€chsten zehn Minuten wiederholt sich diese Konversation mit drei weiteren Passanten. „Ich bin nicht faul!“

Es beeinflusst alles, dieses BedĂŒrfnis wertvoll, liebenswert, schön zu sein! Und so messen wir, stöhnen wir, spielen verstecken und schieben anderen die Schuld in die Schuhe. Warum?

In den ersten Kapiteln der Bibel, die sich ein bisschen, wie ein MĂ€rchen fĂŒr Kinder lesen, gibt Moses einen interessanten ErklĂ€rungsversuch. Er erzĂ€hlt, wie Adam und Eva das Paradies erleben. Ohne Komplexe, ohne irgendeinen Gedanken, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, ohne jemanden beeindrucken zu mĂŒssen. Die totale Überzeugung, dass sie perfekt, liebenswert und schön sind.

Moses beschreibt diesen paradiesischen Zustand mit den Worten: „Sie waren nackt und schĂ€mten sich nicht!“ Irgendwie komisch! Ich kenne wenige Menschen die nackt in den Spiegel gucken und sich einfach nur perfekt finden.
Moses scheint zu sagen, dass dieses Sehnen, wertvoll zu sein, nur von außerhalb, von Gott gestillt werden kann.

Leider geht das in dieser Geschichte alles verloren. Es kommt zur Rebellion und dieses Vertrauen ist weg. Die Folge ist das GefĂŒhl, nackt dazustehen und das ist auf einmal kein schöner Anblick mehr. Ab jetzt herrscht Mistrauen: Verstecken und Schuld zuschieben

Das Verstecken meiner Fehler, wenn ich mich selber nicht mehr wertvoll empfinde.
Dann ist da totale Angst, dass jemand mein „Imperfekt sein“ mitbekommt.

Seid dem das Vertrauen in einen guten Gott, der uns perfekt gemacht hat gebrochen ist, leben wir in dieser Spannung: Wir wĂŒrden so gerne vertrauensvolle Beziehungen haben, wo wir uns zeigen können, aber das Wertempfinden, das mal von Gott kam, ist zerstört und richtiges Vertrauen scheint unmöglich!

Kannst Du Dir vorstellen, wie weh das getan haben muss, als Adam und Eva ihr Vertrauen in Gott verloren und zum ersten mal gemerkt haben, dass sie nackt waren?

EIN KOMMENTAR ZU “NACKT”

  1. Hakim Ben Effendi schrieb:

    Also, den Artikel finde ich sehr gut, denn er hat mir mal einen neuen Blickwinkel aufgetan und alles scheint “wahr” zu sein. ;-) Allerdings erkenne ich hier auch leicht, auf welche Weise ich mir solche Dinge ĂŒberlege. Ich weiß jetzt nicht, ob das wirklich anders ist, als du es tust, jedenfalls hast du es nicht so geschrieben, wie ich es jetzt werde, aber es steckt ja mit drin und somit wiederhole ich vielleicht nur das, was oben geschrieben wurde. Aber egal:
    Ich glaube, dass jeder diesen Schmerz fĂŒhlt und genau das beschreibst du ja an einigen Beispielen, in denen sich wohl schon fast alles wieder erkennen. Und wenn das nicht reicht, gibt es noch eine Vielzahl anderer Begebenheiten. Davon bin ich ĂŒberzeugt.
    Vertrauensverlust ist hierbei natĂŒrlich das Schlagwort, stimmt genau. Jetzt ĂŒberlege ich halt nur, was kann ich damit anfangen, wenn jemand nicht an Gott glaubt: Kann derjenige so richtig handfest etwas damit anfangen, dass Adam und Eva was falsch gemacht haben? Und selbst, wenn man sagt: Ok, es war so… Und jetzt? Und auf das Schlagwort “Vertrauensverlust” wĂ€ren wir vielleicht auch so gekommen. NĂ€mlich Vertrauensverlust in unsere Mitmenschen! Aber natĂŒrlich steht hinter allem der Vertrauensverlust in Gott! So, das war jetzt der angekĂŒndigte Unterschied. ;-) Hinter allem steht die Sache mit Adam und Eva, aber wie gehen wir jetzt heute damit um? Wo erkennen wir das noch? Das ist auch immer ne wichtige Frage: Was fangen wir mit der Bibel, den Geschichten an? Was bedeutet das alles fĂŒr UNS? Heute, JETZT! Und die Auswirkungen, die in dieser “Geschichte” ihren Anfang nahmen sind heute noch zu sehen und das sehr deutlich und lebensbestimmend. Wir Menschen untereinander haben uns AUCH voneinander entfernt und haben das Vertrauen verloren. Wir sind einsam und alleine (ohne Gott) und behaupten uns jetzt gegen den Rest der Welt und brauchen die von dir beschriebene BestĂ€tigung. Und jetzt frage ich mich: Was kann ich tun?
    Erstmal fallen mir da die Psychoanalytiker ein. Gerade, weil diese Angst (Einsamkeit, Fehlerhaftigkeit) bei den Menschen unterschiedlich stark ausgeprĂ€gt ist, muss man ja eine „dynamische“ Quelle vermuten, die in den meisten FĂ€llen unseren Mitmenschen zugeschrieben wird. Finde ich auch richtig. Nicht umsonst wird bei Psychologen immer die Kindheit aufgearbeitet, in der wir von unseren Mitmenschen (Eltern, Freunde, Schule usw.) geprĂ€gt worden sind. Und der eine hat mehr, der andere weniger (nach welchen MaßstĂ€ben?) GlĂŒck gehabt. Das bedeutet: Wir Menschen entziehen uns selbst das Vertrauen, indem wir uns auf Kosten der anderen “bereichern” und sie “ausnutzen” und nicht in der Lage sind, einfach zu lieben, NĂ€chstenliebe zu betreiben. Na ja, jetzt keine Psycho-Abhandlung. Aber eins kann man ja auf die Schnelle festhalten: Ich kann etwas dagegen tun, indem ich NĂ€chstenliebe lebe und Liebe verbreite! Indem ich ein StĂŒck das bin, wozu Gott mich geschaffen hat und somit das Gute (Gott) auf die Welt bringe und er durch mich wirken kann. Wenn ihr einem Hungrigen essen lasst, dann tut ihr das in meinem Namen. Und dann kann man Gott auch spĂŒren. Das wĂŒrde ich zumindest mit Nicht-glaubenden machen und so mit ihnen reden…
    Man kann solche Sachen sicher nicht (eine Antwort ;-) )ganz austreiben, aber man kann ein StĂŒck die Welt verbessern.



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